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2.2 Saussures Zeichen-Synthese als Postulat signifizierbarer Negativit�t
Neben dieser Strukturparallele, die zumindest im Falle Nietzsches einen neuen �on auf den Tr�mmern des alten zu gr�nden sucht, gibt es eine zwar anders gelagerte, jedoch eindeutigere und in diesem Zusammenhang wohl entscheidendere Entsprechung, die sich bei beiden nachzeichnen l��t. Bei dem �lteren ist sie angelegt in dem mit der Tradition brechenden Zeichenbegriff, einem Begriff, des jeglicher pr�senter Wahrheit baren Zeichens."1 Damit ist zweierlei angesprochen. Zum einen wendet sich der von Nietzsche so gefa�te Zeichenbegriff gegen jeglichen Platonismus, wie er in Form der Urbild-Abbild-Theorie seinen Niederschlag gefunden hat. D.h. es wird hier das konzediert, was seit Ferdinand de Saussures als die Arbitrarit�t des Zeichens gel�ufig ist, womit die rein konventionelle, von keiner inhaltlichen Notwendigkeit getragene Erscheinungsform des Zeichen gemeint ist.2 Es gibt keinerlei substantielle Eigenschaften, die das Zeichen als ein nicht-kontingentes Gef�ge von Signifikat und Signifikant erscheinen lie�e.
Allerdings ist dies nur die eine Seite des strukturalistischen Zeichenbegriffs. Was bis hierhin gesagt ist, und womit Saussure als der Theoretiker der Arbitrarit�t des Zeichens"3 erscheint, arbeitet an gegen die klassische Vorstellung des Zeichens als Zeichen-von, als auf ein Signifikat hinweisender Signifikant, als von seinem Signifikat unterschiedener Signifikant begriffen und bestimmt."4 Wird diese Verbindung nunmehr als kontingent erkannt, so ist darin aber immer noch die Implikation angelegt, da� es �berhaupt etwas gebe, auf das der Signifikant, wenn auch arbitr�r, verweise. Die Destruktion des klassischen Zeichenbegriffs bestreitet bis hierhin also nur die Notwendigkeit der Verbindung eines Bezeichnenden mit einem zu Bezeichnenden, unber�hrt bleibt die Frage nach der (Vor)Gegebenheit der Verbindungsglieder. Hinsichtlich des Signifikanten ist dies bereits gekl�rt, insofern die Frage nach dem Signifikanten unmittelbar mit der Frage der Arbitrarit�t der Verbindung zusammenf�llt. Wie aber steht es um das Signifikat? Warum stellt die Arbitrarit�t des Zeichen nicht auch das je zu bezeichnende in Frage. Ist es immer schon gegeben und w�hlt sich seine, Signifikanten, und wenn ja, wo und wie ist es ohne eine Repr�sentation repr�sentiert?
Eine den Geboten der Arbitrarit�t folgende Zeichenkonstitution mu� sich also auch dem Signifikat zuwenden D.h. auch die andere Seite, das in irgendeiner Form als pr�existent geglaubte Signifikat mu� einer Revision unterzogen werden, nach der es nicht mehr absolut, sich seine Signifikanten beliebig w�hlend erscheint. Psychologisch betrachtet ist unser Denken, wenn wir von seinem Ausdruck durch die Worte absehen, nur eine gestaltlose und unbestimmbare Masse. Philosophen und Sprachforscher waren sich immer dar�ber einig, da� ohne die Hilfe der Zeichen wir au�erstande w�ren, zwei Vorstellungen dauernd und klar auseinander zu halten. Das Denken, f�r sich allein genommen ist wie eine Nebelwolke, in der nichts notwendigerweise begrenzt ist."5 Sind somit beide Komponenten des Zeichens jeder Statik beraubt und liegt ihre Genese allein im Spiel der Differenzen6, in der Negation im Sinne Spinozas (omnis determinatio est negatio), dann mu� man sich den Proze� der Zeichen-Synthese vorstellen als ein Ins-Mittel-Treten der `langue', mit dem Effekt, da� nunmehr in einem Schlag sowohl ein Signifikant wie ein Signifikat geboren sind."7
Damit erscheint der Akt der Zeichen-Synthese" aber vielmehr als ein Akt der Sch�pfung, denn als ein Zusammenf�gen von bereits Existentem und verweist damit auf die v�llige Destruktion des statischen Zeichenbegriffs im Sinne eines Zeichen-f�r ...". Sch�pfung nun nicht positiv verstanden als substantielle Kreation, sondern einzig als Setzen der Differenz ist somit jeglicher Materialit�t enthoben.8 Es gilt also nicht ein vorg�ngiges concept mit einem frei w�hlbaren image acoustique zu verbinden, es gibt keine von vornherein feststehenden Vorstellungen, und nichts ist bestimmt, ehe die Sprache in Erscheinung tritt. [...] Die lautliche Masse ist ebensowenig etwas fest Abgegrenztes und klar bestimmtes; sie ist nicht eine Hohlform, in die sich das Denken einschmiegt".9 D.h. die anf�nglich von Saussure projektierte Untersuchung der relationalen Zeichenkonstitution (Signifikant/Signifikat), sowie deren Stellung innerhalb des Sprachsystems (Beliebigkeit/Unver�nderlichkeit/Ver�nderlichkeit) gewinnt eine gewisse Eigendynamik, im Laufe derer sich die urspr�ngliche Basis eines Zeichenbegriffs vollst�ndig verfl�ssigt. Dies sowohl hinsichtlich des klassischen Zeichens in der erw�hnten Konzeption als Zeichen-f�r, wobei eine wie auch immer gestaltete Idealit�t die Verbindung der beiden Teile pr�determiniert, als auch hinsichtlich des Saussureschen Zeichens selbst, das ja als, wenn auch arbitr�re, Verbindung zweier Komponenten anf�nglich noch substantiell konzipiert ist. Wenn nun aber die Bereiche, innerhalb derer die Komponenten verankert sein sollen, in steter Durchdringung und wechselseitiger Abh�ngigkeit ihres Absolutheitscharakters beraubt sind und sich einer je gesonderten Distinktion entziehen, dann kann das Zeichen nicht mehr l�nger positiv, d.h. isoliert in seiner Identit�t erkennbar, gedacht werden. Dementsprechend res�miert Saussure: Alles Vorausgehende l�uft darauf hinaus, da� es in der Sprache nur Verschiedenheiten gibt. Mehr noch: eine Verschiedenheit setzt im Allgemeinen positive Einzelglieder voraus, zwischen denen sie besteht; in der Sprache aber gibt es nur Verschiedenheiten ohne positive Einzelglieder."10
Wenn aber das Zeichen allein als die Markierung der Differenz erscheint, ist hiermit ein Bereich betreten, der vor den eigentlichen" Zeichen liegt, ist hier eine die Struktur erm�glichende Struktur angesprochen, auf deren Boden sich die Zeichen-Synthese allererst ereignen kann. Das Setzen der Differenz als einzige Bestimmung des Zeichens f�hrt zu einem Begriff von Zeichen, dessen Funktion darin besteht, sich der Abwesenheit von Zeichen entgegenzusetzen, ohne Selbst eine einzige bestimmte Bezeichnung mitzubringen."11
1J. Derrida: Die Schrift und die Differenz. S.425
2F. de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 21967, vgl. S.79
3J. Derrida: Grammatologie. S.62
4J. Derrida: Die Schrift und die Differenz. S.425
5F. de Saussure: a.a.O., S.133
6Wenn die Dekonstruktion des Zeichenbegriffs diesen nicht mehr relationales Gef�ge zweier aufeinander verweisender Gr��en erscheinen l��t, so bedeutet dies nichts weniger als den Zeichenbegriff in dem Augenblick zugrunde zu richten, wo - wie bei Nietzsche - sein Absolutheitsanspruchs erkannt wird. Spiel w�re der Name f�r die Abwesenheit des transzendentalen Signifikats als Entgrenzung des Spiels, da� hei�t als Ersch�tterung der Onto-Theologie und der Metaphysik der Pr�senz [...] Dieses Spiel, das als die Abwesenheit des transzendentalen Signifikats gedacht wird, ist nicht ein Spiel in der Welt [...] Um das Spiel in seiner Radikalit�t zu denken, mu� zuallererst die ontologische und transzendentale Problematik gewissenhaft aufgearbeitet werden, mu� geduldig und entschieden durch die Frage nach dem Sinn von Sein, dem Sein des Seienden und dem transzendentalen Ursprung der Welt - der Weltlichkeit der Welt - hindurchgegangen werden." (J. Derrida: Grammatologie. S.87. Hervorhebung im Original)
7M. Frank: a.a.O., S.43. Hervorhebung von J.C. Derrida spricht in diesem Zusammenhang entsprechend vom ZeichenWerden" (vgl. Grammatologie. S.83)
8Die Sprachwissenschaft arbeitet also auf dem Grenzgebiet, wo Elemente von zweierlei Natur sich verbinden; diese Verbindung schafft eine Form, keine Substanz." F. de Saussure: a.a.O., S.134. Hervorhebung im Original.
9a.a.O., S.133
10a.a.O., S.143
11C. Levi-Strauss: Intrduction a l'oevre de Marcel Mauss. in: M. Mauss: Anthropologie et sociologie. Paris 1966, S.XLIX/L
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